KAMMERSPIELE
JOSEFSTADT
LEONCE UND LENA
2026
LEONCE UND LENA | GEORG BÜCHNER | NEUINSZENIERUNG VON
TORSTEN FISCHER 2026
„FREI BEARBEITET“
BILD: Sandra Cervik
& Ali Meyer | LEONCE UND LENA | Kammerspiele der Josefstadt | Wien
2026
KONZEPT
Die Inszenierung von Georg Büchners Lustspiel Leonce und
Lena an den Wiener Kammerspielen der Josefstadt unter
der Regie von Torsten Fischer bricht radikal mit der traditionellen
Interpretation. Statt einer jugendlichen Liebesflucht zeigt sie ein
bittersüßes, melancholisches Abschiedsspiel in einem fiktiven
italienischen Altersheim für Künstler mit der Aufschrift "Casa
di riposo degli artisti".
PROLOG
Das Stück beginnt ohne Büchner´s Originaltext; ist
stark bearbeitet und mit Passagen aus Büchners Woyzeck sowie
Texten anderer Autoren collagiert. Thema sind Alltagsgespräche
über Marotten bis hin zu Faltencremes. Die Protagonisten legen
dann symbolisch nach und nach ihre „Altersgesichter"
ab. Sie überleiten in eine fragmentarische Rückblende. Diese
ist die Geschichte der verweigerten Zwangshochzeit und ihrer schicksalhaften
Flucht noch einmal zu durchleben.


PERFORMANCE DER KOMPARSERIE
Die Komparserie rund um Ali Meyer bildet in Torsten Fischers
Inszenierung das atmosphärische Rückgrat und bricht radikal
mit der klassischen Vorstellung von stummen Statisten, die nur „den
Raum füllen". Sie agieren als eigenständiges, groteskes
Kollektiv, das den Abend entscheidend prägt. Die interne Bezeichnung
der 7 Herren beim Einruf auf die Bühne "The Gentlemen
please" darf das wiederspiegeln. Gleich zu Anfang verkörpern
die Herren den monotonen Alltag im Heim. Hier wird die körperliche
Gebrechlichkeit und die Marotte des Alters präzise choreografiert.
Im Verlauf des Stücks wandelt sich das Kollektiv. Die alternden
Herren treten im Stil traurig geschminkter Clowns auf oder performen
in absurden Kostümierungen wie Strapsen. Sie spiegeln die innere
Zerrissenheit und die „Narrenfreiheit" wider, die
das Alter und die Kunst mit sich bringt. Bei Büchner fungieren
die Figuren der Alten Männer im Kern als der reaktionäre,
vor Langeweile sterbende Staatsrat des Königreiches Popo.
Wann immer Leonce und Lena in ihre jugendlichen Rollen zurückfallen,
agieren die Performer als wachsames, teils unheimliches Echo der Vergangenheit.
Sie verkörpern die verflossene Zeit, die unaufhaltsam tickt. Der
Körper als einziges Ausdrucksmittel ist besonders anspruchsvoll.
Auf einer leeren Bühne gibt es keine Stühle zum Drapieren,
keine Wände zum Anlehnen und keine Gegenstände, an denen sich
die Hände festhalten können. Jede Sekunde der Präsenz
musste aus der puren Körperspannung generiert werden. Das Ensemble
musste lernen, sich selbst als bewegliche Skulpturen im leeren Raum
zu begreifen. In den Kammerspielen beweist die Gruppe um Meyer eindrücklich,
dass moderner Theaterzauber oft genau dort entsteht, wo die Trennlinie
zwischen Hauptensemble und Statisterie verschwimmt.

SCHAUSPIEL
Die ersten Probenwochen dienten dazu, das fiktive Altersheim für
Künstler ("Casa di riposo") schauspielerisch zu etablieren.
Die Hauptdarsteller Sandra Cervik und Michael Dangl mussten lernen,
die Marotten, die körperliche Gebrechlichkeit und den monotonen
Alltag von Greisen zu verinnerlichen, bevor sie überhaupt ein Wort
von Büchner sprachen. Michael Dangl und Sandra Cervik wurde von
der Kritik eine grandiose schauspielerische Leistung attestiert. Sie
würden die Balance zwischen komischer Alters-Marotte und tiefer
Tragik perfekt meistern. Ein probentechnischer Knackpunkt war das exakte
Timing für den Wechsel der Zeitebenen. Die Darsteller schminkten
und spielten sich im Laufe der Proben fließend um 20 Jahre jünger,
um in die Rückblende einzutauchen, und alterten später wieder
zurück. Diese fließenden Übergänge erforderten
hochpräzise körperliche und mimische Probenarbeit. Das Septett
der Komparserie musste ein exakt getaktetes Zusammenspiel als Gruppe
entwickeln. Getestet und geprobt wurde die Wirkung extremer Kontraste:
Wie wirkt das Kollektiv als steifer, staatstragender Staatsrat und wie
wandelt es sich in die teils verstörenden, grotesken Bilder in
Strapse und Clownsmasken? Diese Szenen erforderten viel gegenseitiges
Vertrauen im Ensemble. Der dichte Kunstnebel war nicht nur ein visueller
Effekt für das Publikum, sondern verringerte die Sichtweite auf
der Bühne massiv. Für die Darsteller bedeutete dies den Verlust
klassischer Orientierungspunkte.

EPILOG
Das Finale der rund 90-minütigen Aufführung weicht spürbar
von Büchners utopisch-ironischem Ende ab. Nachdem die gealterten
Monarchen wie im Original vom Sehnsuchtsort Italien geschwärmt
haben, bricht die Inszenierung emotional aus, verfallen alle in den
bekannten französischen Chanson-Klassiker „La Mer".
Der musikalische Schlusseffekt wurde akribisch geprobt. Die Armbewegungen
der alternden Figuren im Rhythmus des Chansons wurden wie eine synchrone,
traurig-schöne Abschiedswelle choreografiert, um genau die emotionale
Wirkung zu erzielen, die das Publikum bei der Premiere schließlich
begeisterte. Bei dieser Inszenierung von Leonce und Lena lässt
sich die Kritik grob in zwei Lager teilen, wobei die „selbstdarstellerischen"
Federn besonders spitz waren. Am Ende gab es bei der Premiere begeisterten
Applaus und Standing Ovations. Das zeigt wieder einmal, dass die intellektuelle
Zerpflückung eines Kritikers oft meilenweit am tatsächlichen
Theatererlebnis vorbeigeht.
AUTOR: © Prof. Ali
Meyer | 2026
BILDER: © Kammerspiele | Ali Meyer
| Kollegen der Komparserie (Die Gentlemen)
QUELLEN: Leonce und Lena | Kammerspiele
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