Mittwoch, den 03. Juni 2026

TEATRO PER TUTTI – Theater für Alle

Der Kultursektor in Österreich erwirtschaftet einen hohen Wertschöpfungsanteil. Die Alpenrepublik hat neben seinen Seen und Bergen, sowie seiner Ess- und Trinkkultur, auch eine Menge in der Theaterlandschaft anzubieten. Die große Auswahl an hochqualitativen Theaterfestivals in den Bundesländern kann sich sehen lassen.

Wenn auch aufgrund der Corona-Pandemie die Gästezahl der österreichischen Bundetheater in der Saison 2019/20 gegenüber den Vorjahren deutlich sank, lag die durchschnittliche Besucheranzahl seit 2009/10 immerhin jährlich um die 1,3 Millionen Kulturfreudigen, die den Häusern ihre Aufwartung machten. Es ist ein Spiegel der Kultur.

Als eines der international bedeutendsten Opernhäuser blickt die Wiener Staatsoper sowohl auf eine traditionsreiche Vergangenheit zurück als auch auf eine vielseitige Gegenwart. Das andere berühmte Haus am Ring ist das Burgtheater. Es gilt als eine der bedeutendsten Bühnen Europas und ist nach der Comédie-Française das zweitälteste europäische sowie das größte deutschsprachige Sprechtheater. Die Salzburger Festspiele gelten als das weltweit bedeutendste Festival der klassischen Musik und darstellenden Kunst. Sie finden seit 1920 jeden Sommer im Juli und August in Salzburg statt. Es ist das kulturelle Drehkreuz.

BILD: © Ali Meyer | ALI MEYER ON STAGE »

IN VINO VERITASZU GAST BEI
BÜHNENERLEBNISSEN ON- & BACK STAGE
KAMMERSPIELE DER JOSEFSTADT
LEONCE UND LENA

Was ist wo los? Im unteren TEATRO PER TUTTI-LEITFADEN » findet man THEATER FÜR ALLE. Bühnenerlebnisse – On Stage & Back Stage – über klassische zu moderner Musik – alles rund um das Theater – darstellende Kunst – Oper, Operette, Ballett und Konzerte – bis in die Welt der musealen Kultstätten – Art for Art.



KAMMERSPIELE JOSEFSTADT
LEONCE UND LENA 2026

LEONCE UND LENA | GEORG BÜCHNER | NEUINSZENIERUNG VON TORSTEN FISCHER 2026
„FREI BEARBEITET“

BILD: Sandra Cervik & Ali Meyer | LEONCE UND LENA | Kammerspiele der Josefstadt | Wien 2026

KONZEPT

Die Inszenierung von Georg Büchners Lustspiel Leonce und Lena  an den Wiener Kammerspielen der Josefstadt unter der Regie von Torsten Fischer bricht radikal mit der traditionellen Interpretation. Statt einer jugendlichen Liebesflucht zeigt sie ein bittersüßes, melancholisches Abschiedsspiel in einem fiktiven italienischen Altersheim für Künstler mit der Aufschrift "Casa di riposo degli artisti".

PROLOG

Das Stück beginnt ohne Büchner´s Originaltext; ist stark bearbeitet und mit Passagen aus Büchners Woyzeck sowie Texten anderer Autoren collagiert. Thema sind Alltagsgespräche über Marotten bis hin zu Faltencremes. Die Protagonisten legen dann symbolisch nach und nach ihre „Altersgesichter" ab. Sie überleiten in eine fragmentarische Rückblende. Diese ist die Geschichte der verweigerten Zwangshochzeit und ihrer schicksalhaften Flucht noch einmal zu durchleben.

PERFORMANCE DER KOMPARSERIE

Die Komparserie rund um Ali Meyer bildet in Torsten Fischers Inszenierung das atmosphärische Rückgrat und bricht radikal mit der klassischen Vorstellung von stummen Statisten, die nur „den Raum füllen". Sie agieren als eigenständiges, groteskes Kollektiv, das den Abend entscheidend prägt. Die interne Bezeichnung der 7 Herren beim Einruf auf die Bühne "The Gentlemen please" darf das wiederspiegeln. Gleich zu Anfang verkörpern die Herren den monotonen Alltag im Heim. Hier wird die körperliche Gebrechlichkeit und die Marotte des Alters präzise choreografiert. Im Verlauf des Stücks wandelt sich das Kollektiv. Die alternden Herren treten im Stil traurig geschminkter Clowns auf oder performen in absurden Kostümierungen wie Strapsen. Sie spiegeln die innere Zerrissenheit und die „Narrenfreiheit" wider, die das Alter und die Kunst mit sich bringt. Bei Büchner fungieren die Figuren der Alten Männer im Kern als der reaktionäre, vor Langeweile sterbende Staatsrat des Königreiches Popo. Wann immer Leonce und Lena in ihre jugendlichen Rollen zurückfallen, agieren die Performer als wachsames, teils unheimliches Echo der Vergangenheit. Sie verkörpern die verflossene Zeit, die unaufhaltsam tickt. Der Körper als einziges Ausdrucksmittel ist besonders anspruchsvoll. Auf einer leeren Bühne gibt es keine Stühle zum Drapieren, keine Wände zum Anlehnen und keine Gegenstände, an denen sich die Hände festhalten können. Jede Sekunde der Präsenz musste aus der puren Körperspannung generiert werden. Das Ensemble musste lernen, sich selbst als bewegliche Skulpturen im leeren Raum zu begreifen. In den Kammerspielen beweist die Gruppe um Meyer eindrücklich, dass moderner Theaterzauber oft genau dort entsteht, wo die Trennlinie zwischen Hauptensemble und Statisterie verschwimmt.

SCHAUSPIEL

Die ersten Probenwochen dienten dazu, das fiktive Altersheim für Künstler ("Casa di riposo") schauspielerisch zu etablieren. Die Hauptdarsteller Sandra Cervik und Michael Dangl mussten lernen, die Marotten, die körperliche Gebrechlichkeit und den monotonen Alltag von Greisen zu verinnerlichen, bevor sie überhaupt ein Wort von Büchner sprachen. Michael Dangl und Sandra Cervik wurde von der Kritik eine grandiose schauspielerische Leistung attestiert. Sie würden die Balance zwischen komischer Alters-Marotte und tiefer Tragik perfekt meistern. Ein probentechnischer Knackpunkt war das exakte Timing für den Wechsel der Zeitebenen. Die Darsteller schminkten und spielten sich im Laufe der Proben fließend um 20 Jahre jünger, um in die Rückblende einzutauchen, und alterten später wieder zurück. Diese fließenden Übergänge erforderten hochpräzise körperliche und mimische Probenarbeit. Das Septett der Komparserie musste ein exakt getaktetes Zusammenspiel als Gruppe entwickeln. Getestet und geprobt wurde die Wirkung extremer Kontraste: Wie wirkt das Kollektiv als steifer, staatstragender Staatsrat und wie wandelt es sich in die teils verstörenden, grotesken Bilder in Strapse und Clownsmasken? Diese Szenen erforderten viel gegenseitiges Vertrauen im Ensemble. Der dichte Kunstnebel war nicht nur ein visueller Effekt für das Publikum, sondern verringerte die Sichtweite auf der Bühne massiv. Für die Darsteller bedeutete dies den Verlust klassischer Orientierungspunkte.

EPILOG

Das Finale der rund 90-minütigen Aufführung weicht spürbar von Büchners utopisch-ironischem Ende ab. Nachdem die gealterten Monarchen wie im Original vom Sehnsuchtsort Italien geschwärmt haben, bricht die Inszenierung emotional aus, verfallen alle in den bekannten französischen Chanson-Klassiker „La Mer". Der musikalische Schlusseffekt wurde akribisch geprobt. Die Armbewegungen der alternden Figuren im Rhythmus des Chansons wurden wie eine synchrone, traurig-schöne Abschiedswelle choreografiert, um genau die emotionale Wirkung zu erzielen, die das Publikum bei der Premiere schließlich begeisterte. Bei dieser Inszenierung von Leonce und Lena lässt sich die Kritik grob in zwei Lager teilen, wobei die „selbstdarstellerischen" Federn besonders spitz waren. Am Ende gab es bei der Premiere begeisterten Applaus und Standing Ovations. Das zeigt wieder einmal, dass die intellektuelle Zerpflückung eines Kritikers oft meilenweit am tatsächlichen Theatererlebnis vorbeigeht.

AUTOR: © Prof. Ali Meyer | 2026
BILDER: © Kammerspiele | Ali Meyer | Kollegen der Komparserie (Die Gentlemen)
QUELLEN: Leonce und Lena | Kammerspiele der Josefstadt »

 

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