EIN ALGORITHMUS
ANALYSIERT PORTRÄTS EINES JAHRHUNDERTS
VORWORT VON ALI MEYER
„A Century of Portraits“ – ein Jahrhundert
voller Porträts: Studierende der kalifornischen Universität
Berkeley entwickelten einen Algorithmus um 38.000 Jahrbuch-Porträts
digital zu untersuchen. Die aus 27 Bundestaaten aus 128 Schulen zusammengestellten
949 US-Jahrbücher der Jahrgänge 1905 bis 2013 repräsentierten
einen guten landesweiten Querschnitt.
Wenn Historiker, Kunsthistoriker und Sozialwissenschaflter Photos bzw.
Gemälde untersuchen, geht es an und für sich um ganz bestimmte
Aspekte. Unser kulturelles Erbe ist größtenteils bildsprachlich
vorhanden, wird heute im Zeitalter von Facebook und Instagram noch intensiviert.
Wo sind die Zusammenhänge, wo die Veränderungen erkennbar.
„A Century of Portraits“ versucht diesem Problem
zu begegnen - mit digitalem Erfolg.
„Diverses Bildmaterial bietet eine reichhaltige Beschreibung
unserer Welt und vermittelt eine Menge an Informationen, die sich allein
durch Text nicht erfassen lassen. Seit der Erfindung der Kamera dokumentiert
eine stetig wachsende Anzahl von Fotografien unsere visuelle Kultur,
ergänzt durch historische Texte. Dieser Wissensschatz wurde bisher
nur manuell von Historikern in kleinem Umfang analysiert. Unser Algorithmus
führt eine automatisierte Analyse des umfangreichen historischen
Bilddatensatzes durch.“*
*A Century of Portraits: ©
Shiry Ginosar | Kate Rakelly | Sarah M. Sachs | Brian Yin | Crystal
Lee | Philipp Krähenbühl | Alexei A. Efros
Wie stellt sich das Lächeln der Schüler im Laufe der Zeit
dar? In welcher Form haben sich die Frisuren von Jahrzehnt zu Jahrzehnt
verändert? Kann man den Wechsel der Brillenmode erkennen? „;A
Visual Historical Record of American High School Yearbooks„
– Moderne Technik gepaart mit menschlichem Können als reines
wissenschaftliches Werkzeug ist eine unglaubliche Berreicherung.
WAS IST ALGORITHMISCHE FOTOGRAFIE?
ZWISCHEN LICHT, CODE UND DEM
– ZWEIFEL AN DER WIRKLICHKEIT
GEDANKEN VON CHRISTOPH KÜNNE
Wer heute von algorithmischer Fotografie spricht, betritt ein sprachliches
Minenfeld. Der Begriff ist weder in der internationalen Fototheorie
fest verankert noch in der Praxis eindeutig umrissen. Vielmehr dient
er als Sammelbecken für mindestens drei grundverschiedene Bildwelten:
Da sind zum einen die Verfahren der sogenannten Computational Photography,
also kamerabasierte Techniken wie HDR, Panorama-Stitching oder Fokus-Stacking,
bei denen Algorithmen das klassische Bild erweitern. Dann gibt es die
KI-generierten Bilder, die ganz ohne Kamera, Licht oder realen Auslöser
entstehen, reine Produkte von Textbefehlen und neuronalen Netzen. Und
schließlich existieren hybride Formen, die irgendwo zwischen diesen
Polen oszillieren. Während „Computational Photography“
international als präziser Fachbegriff etabliert ist, verwischt
„algorithmische Fotografie“ die Grenzen. Das hat mit Folgen,
die weit über akademische Wortklauberei hinausgehen. Denn ob wir
von Promptografie (wie Boris Eldagsen es nennt), Nemotypen (Bilder ohne
realen Ursprung, wie in einem PetaPixel-Artikel vorgeschlagen), Post-Photography
(Joan Fontcuberta) oder Computational Imaging sprechen: Die Unschärfe
der Begriffe entscheidet mit darüber, wem wir Bilder glauben, wie
wir sie einordnen – und wie Institutionen, Gerichte oder Redaktionen
damit umgehen.
JOAN FONTCUBERTA: DER ZWEIFEL ALS METHODE
Kaum jemand hat die Glaubwürdigkeit des fotografischen Bildes
so konsequent hinterfragt wie der Katalane Joan Fontcuberta. Gemeinsam
mit Pere Formiguera schuf er zwischen 1985 und 1988 das Projekt „Fauna“,
das im Sommer 1988 im MoMA in New York zu sehen war: eine fiktive wissenschaftliche
Sammlung von Fantasietieren, präsentiert mit allen Insignien naturhistorischer
Seriosität, von präparierten „Beweisfotos“ bis
zu gefälschten Feldnotizen. Die Täuschung war Programm, der
Zweifel das Ziel. Mit den „Googlegramas“ (etwa „Googlegram:
Niépce“, 2005) verschob Fontcuberta das Spiel ins Digitale:
Hier setzt sich ein ikonisches Bild aus tausenden Miniaturfotos zusammen,
die per Google-Bildersuche nach bestimmten Begriffen gefunden und algorithmisch
arrangiert werden. Die Frage nach Urheberschaft und Authentizität
wird zur Systemfrage. In der Serie „Prosopagnosia“ (seit
den 2010er Jahren) schließlich entstehen Porträts von Menschen,
die es nie gab. KI-generierte Gesichter, die das Vertrauen in die fotografische
Ähnlichkeit auf die Probe stellen. Fontcuberta selbst sagt: „Das
Postfotografische ist kein Stil, keine Tendenz oder künstlerische
Bewegung. Es ist eine Haltung zur Fotografie.“ Seine Idee der
„Fotografie zweiter Generation“ beschreibt Bilder, die nicht
mehr aus Kameras, sondern aus Algorithmen geboren werden – trainiert
auf Millionen früherer Fotografien.
DER BRUCH: VON LICHTBILDERN ZU WAHRSCHEINLICHKEITSBILDERN
Was trennt ein Foto von einem KI-Bild? Die Antwort ist grundsätzlicher,
als viele wahrhaben wollen. Ein Foto entsteht, wenn Licht von einem
realen Objekt auf einen Sensor trifft. Es ist ein Kind der Physik und
des Lichts. Ein KI-Bild hingegen ist das Ergebnis eines Rechenvorgangs:
Der Computer berechnet, wie ein plausibles Bild aussehen könnte,
basierend auf statistischen Mustern aus Millionen von Vorbildern. Also
ein Kind des Rechnens und der Dunkelheit. Der Übergang von der
analogen zur digitalen Fotografie war eine Frage des Grades: Beide fangen
Licht ein, beide dokumentieren ein Ereignis. KI-generierte Bilder aber
sind etwas anderes. Sie sind Nemotypen, Bilder ohne realen Ursprung,
ohne Referenz in der Welt. Die neue Bildwelt ist nicht mehr Fotografie,
sondern ein statistisches Universum gelernter Muster, in dem Prompts
als Steuerruder dienen. Fontcuberta erkennt zwar den Unterschied im
Entstehungsprozess, hält ihn aber letztlich für nachrangig.
Da könnte man mit gutem Grund entschieden widersprechen: Wer KI-Bilder
als „algorithmische Fotografie“ etikettiert, behandelt einen
fundamentalen Bruch wie ein bloßes Update. Mit Folgen: Fotografie
wird mit Licht geschrieben, sie basiert wie stark auch immer auf etwas
das zu einer Zeit an einem Ort war. KI-Bilder entstehen aus Code und
Wahrscheinlichkeit. Sie kommen ohne Realität aus. Vielleicht einmal
abgesehen von den Fotos aus ihren Trainigsdaten.
DER FALL ELDAGSEN: PROMPTOGRAFIE ALS PROVOKATION
Im April 2023 gewann der deutsche Künstler Boris Eldagsen mit
„Pseudomnesia: The Electrician“ die Creative-Kategorie der
Sony World Photography Awards (Open Competition), einem Bild, das er
mit generiert hatte. Eldagsen lehnte den Preis öffentlich ab, um
die Debatte zu provozieren: „KI ist keine Fotografie. Es ist PROMPTOGRAFIE!“
Die Reaktion war ein internationales Beben: Die Regeln der Wettbewerbe
erwiesen sich als unzureichend, die Frage nach der Definition von Fotografie
wurde neu gestellt, und mit ihr die Machtfrage, wer eigentlich entscheidet,
was als Fotografie gilt.
VERTRAUEN, HERKUNFT UND DIE FOLGEN FÜR DIE PRAXIS
Wenn Kameraaufnahmen und KI-generierte Bilder visuell nicht mehr zu
unterscheiden sind, kann das Vertrauen nicht länger im Bild selbst
liegen. Es verschiebt sich auf den Entstehungsprozess: Herkunftsnachweise,
Metadaten, redaktionelle Ketten, C2PA-Standards werden zum Prüfstein.
Wo das Bild als Beweis verdächtig wird, verschiebt sich die Beweislast.
Die Antwort kann nicht sein, sich hinter alten Unterscheidungen zu verschanzen.
Gefragt sind neue Praktiken: künstlerisch, redaktionell, pädagogisch,
politisch. Es gilt, die Grenze zwischen Aufnahme und Synthese, zwischen
Beleg und Illustration zu markieren und zu pflegen. Fotografie und KI-Bildwelten
werden koexistieren – als eigenständige, aber miteinander
verflochtene Ausdrucksformen, jede mit ihrem eigenen Erkenntniswert.
Wenn man dafür nach einem Namen sucht, könnte man sich, analog
zur Fotografie, dem Malen mit Licht, vielleicht auf den Begriff der
„Logografie“ verständigen, dem Malen mit Worten. Oder
für die, die es technischer und noch etwas präziser mögen,
denn nicht alle KI Bilder entstehen aus Wörtern, der „Tokenografie“,
also dem Malen mit Tokens. Doch vermutlich sind alle diese Begriffe
eher verwirrend als zielführend, wenn man sich nicht auf einen
einigt. Ganz gleich auf welchen, solange er den Kern trifft.
AUSBLICK: KLARHEIT ALS SCHLÜSSEL ZUR BILDZUKUNFT
Für die Praxis ist die Herausforderung klar: Es geht nicht um
Alarmismus oder blinden Fortschrittsglauben, sondern um begriffliche
und praktische Klarheit. Wer mit Bildern arbeitet, muss wissen und kommunizieren
können, was ein Bild ist, wie es entstanden ist und was es beansprucht
zu zeigen. Die Vielfalt der neuen Bildlandschaft lebt davon, dass wir
die Unterschiede nicht unter einem bequemen, aber irreführenden
Sammelbegriff einebnen, sondern sie sichtbar und diskutierbar halten.
GASTAUTOR: © Christoph
Künne | issued by Ali Meyer Media Services | Vienna
QUELLEN: mit freundlicher Genehmigung
von Christoph Künne | Synthetische Wahrheit |
DOCMATISCHE
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BILD Vorwort : © „A Century
of Portraits“ | University of Berkeley
BILD Gedanken: © DOCMA | Christoph
Künne KI | a-group-of-people-at-an-art-gallery-all-staring-at-a-large-hyperrealistic-port
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