KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
DIE VERLORENE WELT DER ANALOGEN PHOTOGRAPHIE
VORWORT VON ALI MEYER
Maler vergangener Jahrhunderte fragten nur zu oft den männlichen
Auftraggeber eines Portraits: „Soll das Bild der Gemahlin
ähnlich schauen oder soll sie schön sein?“. Lange
vor Photoshop gab es bereits Manipulationen der bildlichen Darstellung
überlieferter „originaler Zustände“ für
die geschichtliche Aufarbeitung.
René Descartes (René du Perron), Philosoph, Mathematiker und Naturforscher erzählt uns
in seinem Werk La Dioptrique 1637 über Visionen und das Auge, indem
er das menschliche Auge mit der Camera Obscura vergleicht, d. h. die
Retina sei die Mattscheibe der Kamera. Während seine Physik durch
den Newtonismus verdrängt wurde, ist die cartesianische Philosophie
bis heute Thema geblieben, einem Zurückgehen auf die einfachsten
Einsichten unseres Daseins, solche die durch Intuition gewiß sind.
Diese letzte Gewissheit ist durch eine Zweifelsbetrachtung erreichbar,
an deren Ende die Einsicht steht: „Cogito, ergo sum“.
Wir finden uns also in der stillen, in der dunklen Kammer des Nachdenkens.
Henri Cartier-Bressons Dokumentationen der Befreiung von Paris, die
er als Mitglied der Résistance als Zeitdokumente festhielt, sind
legendär. Seine Bilder gehören heute zum „Inventar“
von Paris. Er lehnte es entschieden ab, den im „entscheidenden
Moment“ des Abdrückens gewählten Bildausschnitt
noch nachträglich zu manipulieren.
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
DAS LEISE VERSCHWINDEN EINER KULTUR
GEDANKEN VON CHRISTOPH KÜNNE
ÜBER VOLKER HINZ: BILDERZÄHLER, IKONEN UND DAS LEISE
VERSCHWINDEN EINER KULTUR
Es ist ein Paradoxon unserer Zeit: Nie zuvor wurde mehr fotografiert,
und selten schien das einzelne Bild weniger zu bedeuten. Im endlosen
Strom der digitalen Feeds verliert die Fotografie ihre Kontur, ihre
Fähigkeit, innezuhalten und zu wirken. Wer in diesen Tagen die
Ausstellung „In Love with Photography“ des Stern-Fotografen
Volker Hinz (1947-2019) bei Freelens besucht oder in
seinem gleichnamigen Fotobuch blättert, das in der Edition Lammerhuber
erscheinen ist, betritt eine Gegenwelt. Eine Welt, in der Fotografen
noch Bilderzähler waren und ihre Werke die Kraft besaßen,
das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation zu formen. Es
ist eine Begegnung mit der untergegangenen Kultur der analogen Fotografie.
DIE KUNST DER KONZENTRATION
Die Ästhetik der analogen Ära war keine Frage eines Photoshop-Filters,
sondern eine der Notwendigkeit. 36 Aufnahmen pro Film – mehr als
eine technische Beschränkung; sondern ein disziplinierendes Element,
das den gesamten fotografischen Prozess definierte. Jedes Bild erschien
als Investition – in Material, in Zeit, in Vertrauen in das eigene
Auge. Diese materielle Knappheit zwang zu einer intellektuellen Vorarbeit,
die heute kaum noch vorstellbar scheint. Der Fotograf musste sehen,
komponieren und entscheiden, bevor der Finger den Auslöser berührte.
Das Zögern vor dem entscheidenden Moment, das Abwägen der
Komposition, das Antizipieren der Geschichte im Sucher – all das
waren wesentliche Bestandteile eines Handwerks, das auf Präzision
und Voraussicht basierte. Die Dunkelkammer war dann nicht der Ort der
Korrektur, sondern der der Offenbarung, wo die zuvor im Kopf geformte
Vision endlich materielle Gestalt annahm. Diese Methodik führte
häufig zu Bildern von einer Dichte und erzählerischen Tiefe,
die in der heutigen Bilderflut oft vermisst wird.
DIE GEDRUCKTE SEITE: BÜHNE UND FILTER EINER PROFESSION
Als die Welt noch ohne Internet auskommen musste, präsentierten
sich Printmedien als die Kathedralen der Fotografie. Magazine wie »Stern«,
»GEO« oder internationale Pendants wie »Life«
verstanden sich nicht nur als Verbreitungskanäle, sondern stellten
auch die entscheidenden Kuratoren des Visuellen dar. Sie waren die Instanz,
die bestimmte, welches Bild Relevanz erlangte und welches in der Dunkelkammer
blieb. Diese Gatekeeper-Funktion schuf eine natürliche Hierarchie
und einen Qualitätsstandard. Ein vollformatiger Abdruck, eine Doppelseite,
eine Titelgeschichte – die Ritterschläge einer Zunft, die
sich ihres Wertes und ihrer Wirkung bewusst schien. Für diese kuratierte
Auswahl zahlten Leser bereitwillig, was wiederum ein ökonomisches
Fundament schuf, auf dem Fotografen eine auskömmliche Existenz
aufbauen konnten. Die Redaktionen waren Partner und Kritiker zugleich.
Sie forderten nicht nur Bilder, sondern Geschichten. Die Fotografen
hatten die Rolle von Autoren, die mit Licht schrieben, und ihre Werke
wurden zu Dokumenten, die über den Tag hinaus Bestand hatten.
DIE FLUT UND DIE LEERE: VOM BILD ZUR BELIEBIGKEIT
Volker Hinz‘ beeindruckende Porträts seiner Kollegen –
von Richard Avedon über Peter Lindbergh bis zu den vielen, deren
Namen nur Eingeweihten etwas sagen – sind mehr als nur Hommagen.
Sie sind das Familienalbum einer Epoche. Sie zeigen Menschen in Momenten
der Konzentration, des Zweifels und der Gemeinschaft. Man sieht den
Stolz auf das Handwerk, aber auch die Last der Verantwortung für
das Bild. Diese Gesichter erzählen von einer Zeit, in der die Fotografie
ein Abenteuer war, das den ganzen Menschen forderte.
Heute ist das Spielfeld radikal gewandelt. Das fotofähige Smartphone
in jeder Tasche hat die Fotografie demokratisiert, aber zugleich entwertet.
Die schiere Masse an Bildern führt zu einer visuellen Abstumpfung.
Ein Bild ist nicht mehr Ereignis, sondern Füllmaterial. Die Ikonen
sind selten geworden, weil die Aufmerksamkeitsspanne für ihre Entstehung
und Wirkung nicht mehr ausreicht. Für den professionellen Fotografen
bedeutet dies einen fundamentalen Wandel seiner Rolle. Er ist nicht
mehr nur Bildautor, sondern auch Content-Manager, Social-Media-Stratege
und Selbstvermarkter in einem. Die Fähigkeit, ein technisch perfektes
und ästhetisch ansprechendes Bild zu fertigen, erscheint nur noch
als Grundvoraussetzung. Die eigentliche Herausforderung liegt darin,
im Lärm der Beliebigkeit überhaupt noch Gehör zu finden.
Die Arbeiten von Volker Hinz sind deshalb kein nostalgischer Rückblick,
sondern ein wertvoller Impuls. Sie erinnern uns daran, was ein Bild
zu leisten vermag, wenn es mehr ist als nur ein flüchtiger digitaler
Reflex. Es geht nicht darum, die analoge Fotografie oder ihre Technik
zu glorifizieren, sondern das dahinterliegende Prinzip zu verstehen:
die bewusste Entscheidung für ein Motiv, die Konzentration auf
eine Geschichte und den Mut zur Lücke. Vielleicht liegt die Zukunft
der professionellen Fotografie nicht in der Produktion von noch mehr
Bildern, sondern in der Schaffung von wenigeren, aber bedeutsameren.
Bildern, die wieder Gewicht haben.
GASTAUTOR: © Christoph
Künne | issued by Ali Meyer Media Services | Vienna
QUELLEN: mit freundlicher Genehmigung
von Christoph Künne | Das leise Verschwinden einer Kultur | DOCMATISCHE
DEPESCHE » |
BUCHBILD Henri Cartier-Bresson : ©
Ali Meyer | Archiv
BILDERSERIE: © DOCMA | Volker
Hinz / STERN
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