HISTORISCHE WAHRHEIT
DER LICHTABDRUCK DES PHOTOGRAPHEN
VORWORT VON ALI MEYER
Als Anfang der 1990er Jahre im Silicon Valley die ersten Versionen
vom Adobe Photoshop-Programm entwickelt wurden, läutete dieses
zumindest das Ende der Dunkelkammern ein. Die digitale Bildbearbeitung
stellte die Wahrhaftigkeit und die Authentizität des Bildes in
Frage, kann man einer Photographie vielleicht gar nicht mehr trauen?
In der kunsthistorischen Photographie ist Authentizität das oberste
Gebot. Wir konservieren möglichst die Wahrhaftigkeit. Bei dem
„In die Szene-Setzen“ der weltberühmten Objekte
speichert man auch zuzuordnende Begriffe. Pinselstriche, Risse und Altersspuren
müssen exakt dem Original entsprechen, darf der Mona Lisa keine
Kosmetik in ihrem Antlitz zuteilwerden.
Authentizität bei der Arbeit eines kunst- und kulturhistorischen
Photographen beruht darauf, dass die Dokumentation durch das Zusammenspiel
eines physischen, manuell gesteuerten Prozess erfolgt. Echte Museums-Photograhie
erfordert die reale Interaktion zwischen dem Licht, den Artefakten und
der Kamera. Synthetisch generierte Bildinhalte oder KI-gestützte
Platzhalter sind bei Aufnahmen kein Thema. Ein authentisches Bild ist
ein physischer Abdruck von Licht auf einem Sensor bzw. Film, jedes Detail
im Bild ist real und physikalisch belegbar, Physik statt Algorithmus.
Die Indexikalität, also „der Lichtabdruck“
des kunst- und kulturhistorischen Photographen garantiert die Authentizität,
die unberührte visuelle Integrität der Objekte ohne KI. Historische
Dokumentation verzichtet auf digitale, das Original verändernde
Manipulation bzw. KI-Rekonstruktion. Sie bewahrt die materielle Wahrheit,
historische Patina und den einzigartigen Entstehungskontext von Kunstwerken
in Museen. Dokumentarische Ehrlichkeit, Historischer Kontext und Wahrung
der Aura sind für mich ein Ehrencodex.
SYNTHETISCHE WAHRHEIT
WENN DIE KI DEN PERFEKTEN SCHEIN BAUT
– UND AN DER LOGIK SCHEITERT
GEDANKEN VON CHRISTOPH KÜNNE
SYNTHETISCHE WAHRHEIT
Es gibt diese Morgen, an denen man beim Lesen der News den Kaffee etwas
vorsichtiger umrührt. Nicht aus Angst vor dem Überlaufen,
sondern weil angesichts der KI-Fortschritte mal wieder die Frage im
Raum steht, ob der eigene Beruf bald überflüssig wird. Die
Debatte um die Zukunft der Wahrheit ist dabei aktueller denn je. Die
KI, so heißt es, kann jetzt alles: Sie komponiert, retuschiert,
generiert Bilder, die so makellos sind, dass selbst der erfahrenste
Kollege zweimal hinschauen muss um sie zu erkennen. Während das
Handwerk an Wert verliert, rückt etwas anderes ins Zentrum: Haltung
und strategische Autorschaft. Ich nenne das in meinem neuen Buch „Synthetische
Wahrheit“ die neue Währung. Die Maschine rekombiniert,
der Mensch stiftet Sinn. Und genau darin liegt der Unterschied, der
in Zukunft immer mehr über Austauschbarkeit und Unverwechselbarkeit
entscheidet. Denn oft reicht ein einziger Blick auf das neueste KI-Bild
nicht aus. Da sitzt man am Monitor und betrachtet ein Motiv, das so
makellos wirkt, als hätte die Technik endgültig gewonnen.
Doch dann, beim zweiten Hinsehen, tauchen Details auf, die alles kippen:
winzige Fehler, die die ganze Szene ad absurdum führen. Das sind
immer noch keine Einzelfälle. Sondern Symptome, die auch von der
neusten Generation der Bild-KI-Modelle nicht beherrscht werden. Schwierig
wird es immer noch, wenn es um funktionale Maschinen, vergangene, also
vor-digitale Zeiten und/oder um Physik geht.
DIE LOGIKFEHLER DER KI
Neulich wollte ich ein dokumentarisches Bild einer analogen Dunkelkammer
rechnen lassen. Alles war da: Entwicklerwannen, rote Sicherheitsbeleuchtung
(vielleicht etwas zu hell), Kontaktbögen an der Wand. Eine Uhr,
die eine Stoppuhr sein müsste. Zu wenig Entwickler in der Schale
links, unsinnige Tropfenkreise im Stoppbad, keine Flüssigkeit,
dafür aber drei Küchenzangen in der Fixierschale. Eine völlig
unsinnige Anordnung der Objekte, so dass man in der Dunkelkammer nicht
ansatzweise ergonomisch sinnvoll arbeiten könnte. Und dann thront
mittendrin ein wissenschaftliches Mikroskop – als hätte jemand
die Chemie-AG mit dem Fotokurs verwechselt. Wer je in einer echten Dunkelkammer
gearbeitet hat, weiß: Auch wenn Mikroskope und Vergrößerer
eine gewisse optische und funktionale Ähnlichkeit haben, sind sie
deswegen nicht austauschbar. Die KI hat offenbar gelernt, dass beides
mit „genau hinschauen“ zu tun hat, aber nicht,
dass das eine in den Biologieunterricht gehört, das andere in die
Fotografie. Fehler, so absurd wie ein Stethoskop in der Werkzeugkiste
des Schreiners.
ÜBERLAUFENDER WEIN: URSACHE OHNE WIRKUNG
Noch absurder wird es, wenn die KI den Moment einfängt, in dem
Rotwein über den Rand eines Glases schwappt und sich großzügig
über den Tisch ergießt. Die Person, die augenscheinlich vorsichtig
einschenkt, bleibt dabei völlig ungerührt – kein Innehalten,
kein Griff zum Tuch, kein Anflug von Überraschung. Die KI hat die
Physik des Überlaufens verstanden, aber weder die Psychologie des
Moments noch die Physik, denn es müsste für die Bildlogik
einen viel mehr Wein aus der Karaffe fehlen. Die KI weiß, wie
Flüssigkeit aussieht, wenn sie sich ausbreitet, aber nicht, dass
Menschen auf Missgeschicke reagieren. Das Bild zeigt: Die Maschine kann
den Ablauf simulieren, aber nicht den Sinn erfassen. Sie bleibt im Standbild
gefangen, unfähig, Ursache, Wirkung und physikalische Zusammenhänge
zu verknüpfen.
VOM HANDWERK ZUR HALTUNG: WAS BLEIBT, WENN DIE MASCHINE ALLES KANN?
Man könnteimmer so weitermachen, denn diese Beispiele sind keine
technischen Ausrutscher, sondern Symptome eines grundlegenden Missverständnisses.
Die KI kann alles, was sich in Pixel und Oberfläche übersetzen
lässt. Aber sie versteht nicht, was sie da eigentlich tut. Sie
ist wie ein Kind, das Wörter kennt, aber noch keine Geschichten
erzählen kann. Oder wie ein Koch, der Zutaten hat, aber das Rezept
nicht versteht. Für Bildprofis bedeutet das: Wer nur noch reproduziert,
was die Maschine kann, wird austauschbar. Das Handwerk, das jahrzehntelang
die Eintrittskarte ins kreative Geschäft war, verliert an Wert.
Was bleibt, ist die Haltung, die Auswahl aufgrund des besseren Wissens,
die strategische Autorschaft. Wer entscheidet, was gezeigt wird? Wer
gibt dem Bild einen Sinn? Wer übernimmt Verantwortung für
das, was sichtbar wird – und für das, was verborgen bleibt?
DIE NEUE ELITE: KURATOREN, ERZÄHLER, SINNSTIFTER
Die Zukunft gehört nicht den besten Technikern, sondern den klügsten
Kuratoren, den mutigsten Erzählern, den souveränsten Sinnstiftern.
Sie verhandeln mit der algorithmischen Muse, lassen sich inspirieren,
aber nicht ersetzen. Sie wissen: Die Maschine kann alles – außer
entscheiden, was zählt. In meinem neue Buch versuche ich es auf
den Punkt zu bringen: „Die algorithmische Muse beschleunigt
den Kreativitäts-Prozess lediglich ins Extreme und macht ihn transparent.
Die Frage ist nicht mehr, ob eine Maschine kreativ sein kann, sondern
wie wir unsere Menschlichkeit im Dialog mit ihr neu definieren und zur
Geltung bringen.“
Im Grunde entlarvt die KI eine Wahrheit, die schon immer für Prozesse
der Kreativität galt: Schöpfung ist selten ein Akt der creatio
ex nihilo, sondern fast immer ein intelligentes Rekombinieren, Kuratieren
und Weiterentwickeln des Vorhandenen. Die Maschine ist ein Meister der
Rekombination, aber unfähig zur Sinnstiftung. Genau hier beginnt
die neue Währung im kreativen Geschäft: Nicht mehr das Handwerk,
das jeder Algorithmus nachahmen kann, sondern die Haltung, die Auswahl,
die strategische Urheberschaft.
EXISTENZANGST ALS CHANCE: WER BEDEUTUNG SCHAFFT, BLEIBT UNERSETZBAR
Natürlich ist die Existenzangst, die viele von uns aktuell verspüren,
real. Wer heute nur noch reproduziert, was andere vorgeben, sei es Mensch
oder Maschine, wird bald überflüssig. Doch genau darin liegt
auch die Chance: Noch nie war es so einfach, das Handwerk zu delegieren
und sich auf das zu konzentrieren, was jetzt mehr den je zählt:
Haltung, Auswahl, Bedeutung. Wer den Mut hat, Neues zu schaffen, wer
bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, wird unersetzbar. Vielleicht
ist das die eigentliche Revolution: Nicht die Technik, sondern die Rückkehr
zur Autorschaft. Nicht die Perfektion der Form, sondern die Kraft des
Sinns. Die KI zwingt uns, uns neu zu erfinden. Aber eben nicht als bessere
Handwerker, sondern als klügere Sinngeber.
DIE VERHANDLUNG MIT DER ALGORITHMISCHEN MUSE
Die Verhandlung mit der „algorithmischen Muse“
verändert unseren Beruf radikal. Welche 7 Regeln wir jetzt brauchen,
beschreibe ich in ‚Synthetische Wahrheit‘. Wenn Sie wissen
wollen, wie ich bei der Produktion des Buches selbst mit der KI verhandelt
habe, wo sie half und wo sie scheiterte, registrieren Sie sich für
das Buch das Mitt Juni erschient und holen Sie sich schon jetzt das
kostenlose Bonus-Kapitel.
GASTAUTOR: © Christoph
Künne | issued by Ali Meyer Media Services | Vienna
QUELLEN: mit freundlicher Genehmigung
von Christoph Künne | Synthetische Wahrheit |
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BILD Historie : © Ali Meyer |
Komposition mit Reichskreuz | KHM Wien
BILDERSERIE: © DOCMA | Christoph
Künne KI
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