MYTHOLOGIE
– TRIUMPHZUG DES BACCHUS

BILD oben: © Ali Meyer | Triumphzug des Bacchus | Maerten van Heemskerck (1498-1574)
| Ölgemälde um 1536/1537 | KHM Wien / Gemäldegalerie
Der griechische Gott Dionysos oder Bakchos (beziehungsweise sein römisches
Pendant Bacchus) galt als Eroberer Asiens, so in Euripides' Bakchen,
wo er nach Theben heimkehrt, nachdem er Lydien für seine Verehrung
gewonnen hat. Mit ihm verband sich die Vorstellung einer friedlichen
Invasion und Zivilisierung des Ostens, indem der Gott und sein Gefolge
in einem eigentlichen Triumphzug selbst Indien (das Ende der bekannten
Welt) mit dem Thyrsos anstelle des Speers und mit Fest- anstelle von
Schlachtmusik überwanden und dort den Wein und seine Wohltaten
einführten.
In der Antike und in der Frührenaissance wird Bacchus nicht nur
als Gott des Weines und der Festfreude angesehen, sondern auch als der
Erfinder des Triumphes. Auf dem Gemälde von Maerten van Heemskerck
aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien kehrt Bacchus, der antike Gott
des Weines, im Triumphzug von Indien nach Griechenland zurück:
der Panther und die dunkelhäutigen Begleiter deuten dies an. Der
vom römischen Manierismus angeregte Figurenstil des Malers findet
in diesem Bild, das wohl unmittelbar nach dessen Rom-Aufenthalt entstand,
seinen vorläufigen Höhepunkt. Das Tolle, Humorvolle und Derb-Drastische
vereinigt sich in diesem Bacchus-Zug mit antiker, wie glatt-polierter
Nacktheit zu einer Wunsch-Phantasie des humanistisch gebildeten 16.
Jahrhunderts. Die höfische Repräsentation in der Hochrenaissance
bedient sich bereits eines anderen Formen- und Ideenapparates. Der Triumph
des Gottes Bacchus wird zur Allegorie.

Nach dem Ende der griechisch-römischen Religionen wurde der Siegeszug
des Dionysos erst wieder während der Renaissance im Zuge der Antikenrezeption
aufgegriffen – ausgehend von Italien in der romanisierten Bezeichnung
als Triumph des Bacchus. Lorenzo de Medici schrieb ein Lied Il trionfo
di Bacco e Arianna, das wohl am Florentiner Karneval im letzten Viertel
des 15. Jahrhunderts gespielt wurde. Der Gesang feierte den Genuss der
Jugend und des Moments:
Quant’è bella giovinezza
/ che si fugge tuttavia! / Chi vuol essere lieto, sia: / di doman non
c'è certezza. („Wie schön ist die Jugend
/ Die so schnell entflieht / Wer ausgelassen sein will, der soll es
/ Was morgen kommt, ist ungewiss.“)
BILD rechts: Bacchus & Ariadne
| Annibale Carracci (1560-1609) | Deckenfresko Galleria | Palazzo Farnese
Roma
BILD unten: Drinking Bacchus | c.1623
| Guido Reni (1575-1642) | Gemäldegalerie Alte Meister Dresden

Intensiv beschäftigte sich die Kunst des Barock mit dem Thema,
das viele Möglichkeiten einer reichhaltig dynamischen Darstellung
bot. Abgebildet wurden in wechselnden Zusammensetzungen Bacchus, Ariadne,
das Gefolge aus Satyrn und Mänaden und auch der trunkene Silen
auf seinem Esel, als Begleitobjekte der Triumphwagen, Raubkatzen als
Zugtiere, Kronen aus Efeu oder Weinlaub, Weintrauben, Reben, Thyrsos,
Doppelflöten, Hörner und Zimbeln, Schlangen, Elefanten und
andere exotische Tiere, Weinschläuche, Krüge und Trinkschalen
etc. Dabei dienten der Bildentwicklung neben den römischen und
griechischen Quellen zu den Dionysossagen auch Beschreibungen der antiken
Bacchanalien.
Trotz des mythologischen Apparats spielte in der langdauernden neuzeitlichen
Beschäftigung mit dem Motiv dessen antike religiöse Bedeutung
kaum noch eine Rolle. Unter dem Einfluss neuplatonischen Gedankenguts
verschob sich der inhaltliche Schwerpunkt hin zum Triumph der göttlich
verstandenen Liebe, für die sinnbildlich die Begegnung von Bacchus
und Ariadne und deren Hochzeitszug stand, allerdings auch – wie
bereits in Lorenzo de Medicis Gesang deutlich – hin zur Festfreude.
Zunehmend rückte irdische Sinnlichkeit anstelle der ursprünglichen
Transzendenz ins Zentrum des künstlerischen Interesses. Die Verweltlichung
des Themas wird in Diego Velázquez’ Triumph des Bacchus
(Los Borrachos – Die Trunkenbolde) genannt
– besonders weit geführt, wo Bacchus mitten in einem Gefolge
von grobschlächtigen Bauern oder Soldaten sitzt, einer von diesen
einen Weinlaubkranz aufgesetzt bekommt und zwei der Zecher dem Betrachter
direkt ins Auge sehen. Das Bild erhält auf diese Weise eine ganz
weltliche Gegenwärtigkeit. Triumph des Bacchus steht am Ende dieser
Entwicklung nicht mehr im Zusammenhang mit etwas Göttlichem, sondern
wird zum Begriff für die ausgelassene Trunkenheit nach dem Genuss
von Alkohol. Der englische Schriftsteller John Evelyn bezeichnete den
Londoner Frostjahrmarkt von 1683/84 mit seinem „Gesaufe“
als einen „bacchanalischen Triumph“.
QUELLEN: Gregor
Weber: Der Triumph des Bacchus – Meisterwerke Ferrareser
Malerei in Dresden, 1480-1620. Umberto Allemandi, Turin 2003, ISBN 88-422-1157-5
| Silke Köhn: Ariadne auf Naxos. Rezeption und
Motivgeschichte von der Antike bis 1600, Verlag Utz, München 1999,
ISBN 3-89675-660-5 | Martin Gesing: Triumph des Bacchus
– Triumphidee und bacchische Darstellungen in der italienischen
Renaissance im Spiegel der Antikenrezeption. Peter Lang, Frankfurt a.
M. 1988, ISBN 3-631-40471-9 | Nonnos von Panopolis:
Werke in zwei Bänden. (u. a. Epos Dionysiaka) Aus dem Griechischen
übertragen und herausgegeben von Dietrich Ebener. Aufbau, Berlin
/ Weimar 1985
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