Dienstag, den 19. Oktober 2021

IN VINO VERITASHISTORISCH BELEGT
WISSENSWERTES VOM WEIN
DIE UHREN GEHEN ANDERS!

Was ist wo los? Im unteren HISTORISCH BELEGT-LEITFADEN » werden Sie über Ursprüngliches, Historisches sowie besonders Wissenswertes informiert.


VENDÉMIAIRE – WEINLESEMONAT
DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION

Die Zeitgeschichte hat beispielsweise manche Kalender hervorgebracht, wo die „Woche“ auch zehn Tage hatte. Die zwölf Monate des Republikanischen Kalenders der Französischen Revolution teilte man jeweils in drei Dekaden zu zehn Tagen. Jeder einzelne Tag des Jahres erhielt einen eigenen Namen. Am Jahresende wurden fünf bzw. in einem Schaltjahr sechs Ergänzungstage, jours complémentaires, angehängt, die als Feiertage galten. Primidi war der erste Tag einer Dekade, fiel daher immer auf den 1., 11. und 21. eines Monats. Beginnend mit der Vendémiaire, dem Weinlesemonat vom 23. September bis 22. Oktober, dem ersten Monat des Revolutionskalenders, wurden alle zwölf Monate nach dem Namenskatalog des Abgeordneten Fabre d’Églantine in vier jahreszeitliche Gruppen eingeteilt. Die Tagesnamen des Primidi sollten, wie die meisten anderen Tagesnamen, landwirtschaftliche Nutzpflanzen sein. Nur im Nivôse, dem Schneemonat vom 22. Dezember bis 20. Januar, dem vierten Monat des Republikanischen Kalenders, in dem sollten die Tage nach Mineralen und Substanzen tierischen Ursprungs benannt werden. Das Prinzip, außer im Nivose nur Pflanzennamen zu verwenden wurde von der Nationalversammlung jedoch öfters durchbrochen. Schon lange studierten die Bauern auf unserer Erde die Natur. Sie beobachteten, das Pflanzen genau zu einer bestimmten Uhrzeit ihre Knospen treiben und blühen. Sie entdeckten die Blumenuhr. Fabre d'Églantine, französischer Dichter, Schauspieler, Dramaturg und Revolutionär bemerkte: „Im Nivôse ist die Erde versiegelt und gewöhnlich mit Schnee bedeckt. In dieser Zeit ruht die Erde und es finden sich keine pflanzlichen Agrarprodukte, um diesen Monat zu charakterisieren. Statt dessen haben wir Namen von Substanzen aus dem Tier- und Mineralreich gewählt, die für die Landwirtschaft nützlich sind.“ | *1

DIE UHREN GEHEN ANDERS!

Am 5. Oktober 1793 erklärte der Nationalkonvent – auf Grund eines Antrags des Mathematikers Charles-Gilbert Romme – den Revolutionskalender rückwirkend per 22. September 1792 für die offizielle Zeitrechnung als bindend. Zudem verfügte man am 1. August 1793 mit Wirkung zum 1. Juli 1794 die Einführung einer am Dezimalsystem orientierten Maß- und Währungseinheit. Der Tag sollte in zehn Stunden, heure décimale, zu 100 Minuten, minute décimale, und zu 100 Sekunden, seconde décimale, eingeteilt werden. Aber bereits 1795 musste das Gesetz zur dezimalen Tageseinteilung ausgesetzt werden. Die Rückkehr zum Gregorianischen Kalender erfolgte dann am 1. Januar 1806. Der letzte Tag, an dem der Revolutionskalender offiziell galt, war der 10. Nivose XIV, der dem 31. Dezember 1805 entsprach. Rückwirkend betrachtet, hat man sich dabei auch an die 10er Dekaden gehalten, d. h. der Kalender der Revolution konnte die zweite Dekade an Jahren in offizieller Funktion gerade mal beginnen und nicht vollenden. Jene Revolutionsuhren mit einem in zehn Stunden eingeteiltem Ziffernblatt sind heute als extrem teure Raritäten auf Auktionen ausfindig zu machen. Die grundsätzliche Idee der französischen Revolutionäre, jede Religion von der Zeitrechnung abzukoppeln, hat ein Tiroler Astrophysiker 2012 mit einer sehr kühnen und verwegenen These vorgestellt, einem Kalender ohne Jesus. Der Kalender des Ronald Weinberger verwirft die Geburt Christi als Startpunkt und wählt stattdessen die am 21. Juli 1969 stattgefundene Landung auf dem Mond als Fixpunkt für eine neue Zeitrechnung. Von diesem Tage an, als Neil Armstrong den fremden Planeten betrat, zählt Weinberger 200.000 Jahre zurück, bis zur Entstehung der Menschheit, sozusagen als Nullpunkt. Das Jahr der Eroberung des Mondes von 1969 als konkreter Stichtag wäre bei ihm das Jahr 200.001 und wir wurden uns derzeit beim Verfassen dieses Beitrages – 2014 – im Jahr 200.045, mit der Kurzschreibweise im Jahr 2'045 befinden, zugleich das Jahr 1435 des islamischen, 5775 des jüdischen und 2557 BE des buddhistischen Kalenders schreiben. Ronald Weinberger: „Versuchen wir uns einmal in einen Thailänder hineinzuversetzen, oder in irgendeinen anderen Bewohner eines nicht-christlichen Erdteils. Dann wird klar, wie sehr unsere jetzige Zeitrechnung christlich geprägt ist. Sie wird von nicht wenigen Menschen auf der Welt als eine Zumutung empfunden. Weshalb sollte man eine solche über die nächsten 100, 200 Jahre fortschreiben?“ | *2

Das Buch ist erstmals im Juli 2012 (Juli 2'043) mit dem Titel – Ist unsere Zeitrechnung noch zeitgemäß? Die westliche Jahreszählung ist anachronistisch und verdient(e) eine Neudefinition – erschienen. Aber diese Vorschläge des Ronald Weinbergers, sein Homo-Kosmischer-Kalender, HKK, fanden ohnehin nur bis zum 21. Dezember 2012 die ihm gebührende Aufmerksamkeit, zumindest per mayanischer Definition zum Ende der Welt oder den Beginn einer neuen Schöpfung. Der Triumph der Wissenschaft über den Glauben wird wohl wiedereinmal als solches ausbleiben. Fakt aber ist: Die Uhren gehen anders!

AUTOR: © Prof. Ali Meyer | Auszug aus dem Buch AM SET MIT BIG BUDDHA | Kapitel „Die Uhren gehen anders“ | 2014
*1-ZITAT: Philippe-Francois-Nazaire Fabre (1750 - 1794) | französischer Dichter | Schauspieler | Dramaturg und Revolutionär
*2-ZITAT: Ronald Weinberger (1948*) | österreichischer Astronom | Studia Universitatsverlag | 2012
BILD mittig: © Bibliothèque nationale de France | Französischer Revolutionskalender | 1794
BILD unten: © French public domain | Vendémiaire, premier mois de l républicain | Tresca, Salvatore (Graveur) – Lafitte, Louis (Dessinateur du modèle)

 

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